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Lokalisierung des Bewusstseins und der Identität im Gehirn Teil 2

Auch darüber, dass Wahrnehmungen für das Bewusstsein wesentlich sind, herrscht weitestgehend Einigkeit. Ich könnte argumentieren, dass wir heute zu meinen wissen, wie verschiedene Sinneseindrücke im Gehirn verarbeitet werden. Wesentlich interessanter und aussagekräftiger scheint mir aber der umgekehrte Fall, nämlich durch das Gehirn erzeugte Sinneseindrücke, die keinen realen Bezug haben.

Halluzinationen von paranoiden Schizophrenie-Patienten wären hierfür ein Beispiel, deren Entstehung sich durch fMRT lokalisieren lässt. Die Veränderungen im Gehirn von Schizophrenie-Erkrankten sind jedoch sehr komplex und geben Wissenschaftlern heute noch Rätsel auf. Eindeutiger hingegen sind Ergebnisse von Experimenten, die während Operationen am Gehirn von wachen Patienten durchgeführt worden sind, wie zum Beispiel von Libet und Feinstein in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Hier berichteten die Patienten von einem Kribbeln in der Hand, wenn ihr sensomotorischer Cortex elektrisch gereizt wurde. Doch es können anscheinend nicht nur sensorische Wahrnehmungen, sondern auch Emotionen ohne äußere Einflüsse im Gehirn erzeugt werden. So können anscheinend sowohl Glücksgefühl als auch Wut und Aggressivität durch Elektrostimulation erzeugt werden (Higgins et al., 1956; Heath, 1963).
Auch die Fähigkeit zur Bewertung von Ereignissen, Erlebnissen und eigenem Handeln ist häufig Bestandteil von Bewusstseinsdefinitionen.
Bufkin und Lutrell stellten 2005 in einer umfangreichen Studie an Straftätern und Psychopathen mit Hilfe von bildgebenden Verfahren fest, dass bei den Probanden ausnahmslos Veränderungen im präfrontalen Kortex und im medialen Temporallappen vorlagen. Die moralische Bewertung ihrer eigenen Taten ist bei vielen Gewalttätern schlicht unmöglich. Ein weiteres, spektakuläres Beispiel dafür, dass der Sitz dieser Fähigkeiten im präfrontalen Kortex lokalisiert ist, ist der Fall von Phineas Gage, bei dem durch einen Arbeitsunfall genau dieser Bereich von einer Eisenstange zerstört wurde. Gage erholte sich zwar körperlich fast vollständig, wandelte sich aber nach dem Unfall von einem verantwortungsbewussten, beliebten Mann zu einem Menschen, der sein eigenes Handeln nicht mehr vollständig unter Kontrolle hatte. Er galt von da an als launisch, verlogen, unzuverlässig und unfreundlich. (J. M. Harlow, 1868)