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Lokalisierung des Bewusstseins und der Identität im Gehirn - Teil 3

Man kann also sowohl Erinnerungen, Planen und Bewertungen, als auch Wahrnehmung und Emotionen im Gehirn lokalisieren. Ein Fakt, der sich außerdem nicht von der Hand weisen lässt, ist, dass das Gehirn einem dauerhaften Wandel unterliegt. Erleben, wahrnehmen, lernen – all das verändert unser Gehirn nachweislich.

Natürlich kann man nach wie vor die Frage stellen, ob die Neuronen ein Spiegel oder die Ursache unseres Selbst sind. Tatsächlich beantworten wir diese Frage im Alltag, ohne sie uns bewusst zu stellen. Wir haben kein Problem damit, dass Alkohol, der nun mal im Gehirn wirkt, unsere Wahrnehmung verändert, wir zweifeln nicht an, dass ein Alzheimerpatient deswegen nicht mehr „derselbe“ ist, weil sein Gehirn nicht mehr wie früher funktioniert, und wir erklären Menschen mit psychischen Störungen für vermindert schuldfähig. Natürlich kann man nach wie vor von einer Seele, einem immateriellen Geist oder wie immer man es auch nennen möchte, ausgehen. Die Frage hier ist allerdings meiner Meinung nach vergleichbar mit der Frage, ob Religionen so weit verbreitet sind, weil es ein inneres Bedürfnis des Menschen nach Gott gibt, oder ob es ein inneres Bedürfnis des Menschen nach Religion gibt, weil es Gott gibt. Im Endeffekt haben wir keinen wirklichen Hinweis auf eine Seele, aber wir haben Hinweise darauf, dass das, was wir Seele zu nennen gewohnt sind, unser Gehirn ist. Es steht natürlich jedem frei, sein eigenes Bewusstsein als immateriell anzusehen. Allerdings glaube ich nicht, dass irgendjemand, der geringe Kenntnisse der Neurobiologie besitzt, einer Transplantation eines fremden Gehirns zu Lasten seines eigenen zustimmen würde, selbst wenn gesundheitliche Risiken ausgeschlossen wären und es aufgrund der eigenen Gesundheit angezeigt wäre.
Wenn ich also akzeptiere, dass ich kein Gehirn habe, sondern mein Gehirn bin, dann kann ich dies nicht denken, ohne mein Selbstverständnis grundlegend zu ändern. Dafür muss ich nicht einmal die Experimente von Libet (1983) – oder aktueller Haynes (2008)- zur Willensfreiheit hinzuziehen. Beide legen ein unbewusstes Entscheiden vor der bewussten Entscheidung zumindest nahe. Letztendlich ist es aber egal, ob meine Neuronen „mir“ vorher oder hinterher sagen, was sie tun werden. Wenn ich das Prinzip der Kausalität auf mein ganzes Ich anwende, bin ich einzig und allein das Produkt meiner Gene und Erfahrungen und somit letztlich für mein Handeln nicht verantwortlich, weil ich keinen Einfluss darauf habe. Denn alles, was ich denken oder tun kann, wäre bereits in meinem Gehirn vorgegeben, wenn auch auf unglaublich komplexe, für die Wissenschaft (noch) nicht vollständig erklärbare Weise.
Wer mit dieser Sichtweise ähnliche Probleme hat wie ich, dem kann ich mit der Quantenphysik einen Rettungsanker zu werfen. Die Tatsache, dass unterhalb der Planck-Skala* (was sehr, sehr klein ist) eigentlich nichts Sinn macht und das Ursache-Wirkungs-Prinzip ungültig ist, hilft zumindest meinem Gehirn aus dem Problem, das es mit sich selbst hat Allerdings darf dies uns nicht davon abhalten, unser Justizsystem und unserer Umgang mit geistigen Krankheiten oder „Anderssein“ zu überdenken. Denn diese Art des Selbstverständnisses ist nicht nur unangenehm, sondern bietet auch neue Chancen.